Depressionen – und plötzlich kannst du nicht mehr!

Früher gab es für mich immer die Regel: Wenn alle Stricke reißen, dann sehe ich zu, dass ich verschwinde. In meiner Jugend gab es diese Vorstellung vom Leben im Zelt irgendwo in Südfrankreich. Wenn es in meinem Leben nicht so laufen sollte, wie ich es mir ausgemalt hatte, dann wäre eine Flucht ans Meer in Frage gekommen. Aber, dass man mir die Lust am Leben nehmen könnte, das war damals unmöglich. Als ich während meiner Ausbildung zum Verkäufer wochenlang Werbeprospekte austragen musste, war ich einmal ganz nah dran, alles stehen und liegen zu lassen und dahin abzuhauen, wo ich mich immer am besten gefühlt hatte. „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ hatte man mir erfolgreich eingetrichtert. Und daher habe ich auch nicht ein einziges Mal den Mund aufgemacht, auch wenn man uns in der Berufsschule eigentlich beigebracht hatte, was zur Ausbildung dazugehörte, und was wir uns nicht bieten lassen mussten. Meine erste Ausbildung habe ich dann gegen den Willen meiner Eltern irgendwann kurz vor der Abschlussprüfung einfach abgebrochen. Irgendwie ging mein Leben erst richtig los, nachdem ich diese Entscheidung getroffen hatte. Meine Karriere als Sänger begann – in meinen Augen – mächtig Fahrt aufzunehmen und alles lief gut für mich. Meine Karriere lief nicht optimal, aber gut. Vor allem ließen mir meine Karriereträume nie Zeit, nachzudenken und zurückzuschauen. Ich war immer gefordert. Und diesen Anforderungen bin ich nachgekommen, oder ich habe den Anforderungen gesagt: “Wisst ihr was? Ihr könnt mich mal!“, um mich dann neu zu orientieren. All die Jahre habe ich mir selbst keine Ruhe gegönnt. Und all die Jahre strotzte ich vor Kraft. Man muss ja schließlich aufstehen, wenn man tanzen will! Ja, kluge Sprüche ablassen, das konnte ich schon immer gut! Mein Motto hat mir schon öfter aus dem tiefsten Tief herausgeholfen und irgendwie war das Leben sogar dann noch geil, wenn mich meine große Liebe verlassen hatte, oder wenn grade mal alles so richtig Scheiße war. Wie sonst hätten meinem Hirn all die genialen Textzeilen über längst überfällige Trennungen entspringen sollen?

Man hat überhaupt keine Ahnung, wie gut es einem geht, bis es dann irgendwann passiert. Aus heiterem Himmel klopft es an deiner Tür. Es klopft gleich mehrmals hintereinander. Und an der anderen Tür klingelt es, während gleichzeitig auch noch das Telefon deinen Wunschklingelton spielt. Du weißt überhaupt nicht wie dir geschieht, und plötzlich steckst du mittendrin in der größten Scheiße, die du bisher nur aus der Presse und aus Erzählungen kanntest. All die Arschlöcher, denen du in deinem Leben bisher begegnet bist, sind Witzbolde, im Vergleich zu dem was dich diesmal erwartet. Während du allen und allem bisher kämpferisch entgegentreten konntest, sitzt oder liegst du diesmal nur da und lässt alles mit dir machen. Dir ist alles scheißegal. Nichts interessiert dich. Es dauert eine ganze Weile, bis dir klar wird, du steckst mitten in einer knallharten Depression.

Ich habe die psychischen Probleme anderer zwar immer ernst genommen, aber dass es mich selbst einmal erwischen könnte, war für mich aber immer absolut unvorstellbar.

Und plötzlich bringt ein Missverständnis, eine nicht ganz so nett formulierte Feststellung, eine merkwürdig gestellte Frage, oder ein „Grüner Punkt“ im Restmüll das Fass zum Überlaufen. Soweit habe ich es jetzt verstanden. Soweit habe ich mich selbst inzwischen durchschaut. Dann geht man mir besser aus dem Weg. Obwohl „aus dem Weg gehen“ ja auch eine Demonstration von Desinteresse bedeutet. Das Leben mit mir gleicht einen Drahtseilakt. Meine Frau schafft es immer wieder, mich zurückzuholen. Manchmal schafft sie das leider erst, wenn meine gesamte Welt bereits in Trümmern zu liegen scheint.

Etwas völlig Neues musste ich jetzt erleben. Da hat sich der Kampfgeist, der so wunderbar rücksichtslos alles und jeden in Grund und Boden stampfen konnte, über Nacht aus dem Staub gemacht und hat einer Depression, wie sie im Buche steht Platz gemacht. Woher auch immer diese Scheiße kommt, die sich da im Moment auf meine Psyche legt und mich fertigmachen will, an der Entscheidung hier hoch ans Meer zu ziehen liegt meine plötzliche Erkrankung ganz sicher nicht! Mir fehlt es hier an nichts und ich bekomme sogar noch eine Überdosis Urlaubsfeeling!

Plötzlich denkst Du Dir morgens: „Warum sollte ich aufstehen? Die sind sowieso alle doof!“ Und das ziehst Du dann durch! Nachdem Du in den ersten 24 Stunden nur einen Schluck Wasser zu Dir genommen hast, holst Du Dir am nächsten Tag eine Tüte Chips und eine Flasche Cola ans Bett. So fällt es Deinen Mitmenschen schwerer, Dich einweisen zu lassen. Klammheimlich ist die Aggressivität, die man von dir kennt, an die sich alle bereits gewöhnt haben einer völlig neuen Scheißegal-Einstellung gewichen. Und das ganz kampflos! Plötzlich ist alles anders. Du hast keine Lust auf irgendwas. Aktivitäten, für welche du sonst sofort zur Stelle gewesen wärst können die anderen ja auch ganz gut alleine in Angriff nehmen. Du willst einfach nur daliegen und in Ruhe gelassen werden. Konntest du dich früher stundenlang mit Idioten auf Facebook streiten, willst du jetzt nur noch eins: Dein Facebookkonto löschen. Um herauszufinden, wie man diese fast unmögliche Löschung durchzieht, hast du plötzlich wieder die Nerven, die dir doch eigentlich abhandengekommen waren. Also verabschiedest Du Dich jetzt erstmal von Facebook. Tschüss, Ihr netten Menschen, die ich ohne dieses Portal schon längst aus den Augen verloren hätte. Tschüss meine Lieblingsfeinde von der AfD! Tschüss Ihr mehr oder weniger netten, dummen, linksextremen, lustigen Facebookseiten, die mir bisher täglich mehrere Stunden meiner kostbaren Zeit gestohlen haben.

Dank meiner Abmeldung bei der Datenkrake Facebook hätte ich jetzt wieder ganz viel Zeit für mich und die Menschen, die mir wirklich wichtig sind. Wirklich logisch war dieser Gedanke nicht. Ich hatte doch grade entschieden, dass alle Mitmenschen – mit Ausnahme meiner kleinen Tochter – meine Feinde waren. Meine kleine Tochter hatte sich allerdings ihrerseits bereits seit einigen Tagen von mir abgewandt, weil ich schon länger nicht mehr mit ihr auf dem Spielplatz war, nur noch schlechte Laune verbreitete und sie mit der Meinung, dass ich doof bin, eigentlich den Nagel auf den Kopf getroffen hatte.

Nachdem ich mir meiner Situation bewusstgeworden war und auch bereit war, mir helfen zu lassen, nachdem ich meiner Frau den Auftrag erteilt hatte, mich einweisen zu lassen, oder mir sonst irgendwie Hilfe zu organisieren, flog mir dann auch noch die erschütternde Nachricht vom Schicksal des „Linkin Park“-Sängers Chester Bennington um die Ohren. Scheiße! Mit sowas ist wirklich nicht zu spaßen. Dabei fängt alles so harmlos an. Wer macht sich am Wochenende nicht schonmal gerne einen bequemen Tag, an dem man in Jogginghose und unrasiert nur das allernötigste tut und sich ansonsten einfach nur hängen lässt? Dank meiner – inzwischen ganze zwanzig Jahre zurückliegenden – Hirnblutung nehme ich mir auch rund um die Uhr heraus, bequem und schnell überfordert zu sein. Ich darf das! Ich werde zu Hause in Watte gepackt, wo es nur geht! Ich muss geschont werden und ich schone mich selbst. Nur mit einer Extraportion Geduld und der ständigen Sorge, mich bloß nicht zu überfordern, lässt es sich mit mir zusammenleben. Und nur wenn alle Probleme aus dem Weg geräumt werden, bevor ich darüber stolpern könnte, kann man mit mir ein harmonisches, Leben leben. Meine Frau kannte mich nicht, vor dem Spätsommer 1996. Und wie ich früher war spielt auch keine große Rolle. Menschen verändern sich innerhalb von zwei Jahrzehnten auch ganz ohne größere Schicksalsschläge. Alles andere wäre ja auch traurig und stinklangweilig!

Was mit mir in den vergangenen Tagen passiert war, hatte mit meinem Charakter allerdings nicht das Geringste zu tun. Mit mir war einfach überhaupt nichts mehr los. Das war nicht ich, der da auf dem Bett lag und sich nicht rührte! Eine leere Hülle lag da auf meinem Bett. Meine Seele war weg! Das alles war nicht weit entfernt vom Wachkoma! Vorher, als ich noch über einen Hauch Lebensfreude verfügte, bin ich alleine ans Meer gefahren und habe den Schiffen beim Anlegen und Abfahren und dem Watt beim faul in der Gegend rumliegen zugesehen. Die Freude „Hey, Du hast es getan! Du wohnst tatsächlich am Meer!“ war plötzlich verflogen. Ich wollte nur meine Ruhe! All das kannte ich schon. Damals hatten sie allerdings grade meinen Schädel aufgesägt, eine Hirnblutung gestillt und in Kauf genommen, dass ich mich von einem Teil meines Hirns für immer verabschieden musste, damit mir überhaupt eine kleine Chance bliebt, die Uniklinik jemals wieder aufrecht gehend verlassen zu können.

Dafür, dass ich mich jetzt ganz ähnlich wie damals fühlte gab es nicht den geringsten Grund! Die Dame, die sich damals meine Ehefrau nannte, hatte sich schon längst in ihr neues Leben verabschiedet und meiner Nicki vertraute ich! Bis vor wenigen Tagen vertraute ich ihr! Jetzt sah ich auch in ihr nur noch das Böse. Ein Außenstehender hätte all das gesehen, was ich plötzlich nicht mehr sehen konnte! Ich lag da, wie in einer großen Blase eingeschlossen. Alles um mich herum war so unecht. Auch das, was sich sonst wie Musik in meinen Ohren anhörte verzerrte sich zu einer dumpfen Geräuschkulisse, die sich anfühlte, wie wenn auf einer Autofahrt durch die Berge die Ohren zugingen!

Ganz tief in meinem Herzen wusste ich, wie sehr ich meine Frau liebe und dass sich alles Negative, das ich mir so im Verlaufe meiner Depression (die ich mir selbst nicht eingestehen wollte) eingeredet hatte mit der Realität nicht wirklich viel zu tun hatte. Aber auch meine innere Stimme ließ ich nicht an mich ran. Da war kein Durchkommen mehr.

Nachdem meine Frau sich für ein paar Tage an meine Anweisung gehalten hatte, mich in Ruhe zu lassen, ist es dann irgendwie passiert! Alle Dämme brachen und ich konnte nur noch heulen. Heulen kann ich eigentlich ganz gut, aber in den vergangenen Tagen ging auch das nicht mehr. Da war nur diese unendliche Leere. „Steck mich in die Klapse!“ war eigentlich das einzige, was ich noch zu sagen imstande war.

Meine goldene Regel, die immer lautete: „Solang du eine Erklärung für deine Traurigkeit und deine Antriebslosigkeit hast, ist alles halb so schlimm“ griff plötzlich nicht mehr. Ich war einfach nur noch am Ende!

Irgendwo habe ich – haben wir beide – die Kurve gekriegt, als ich bereits selbst nicht mehr damit gerechnet hatte. Ich werde mich in die Hände eines Psychologen geben und auch neurologisch werde ich mich nochmal so richtig durchchecken lassen. Facebook habe ich nicht gelöscht! Was ich aber gemacht habe, ist die meisten Bekannten aus meiner Liste zu löschen. Nur ein Bruchteil meiner Bekannten ist in meiner „Freundesliste“ geblieben. Und: Nein! Ihr habt nichts falsch gemacht! Nehmt diesen Schritt also bitte nicht persönlich! Ich habe mir selbst ganz viel Ruhe verordnet, damit ich mein Schiff wieder in halbwegs ruhiges Fahrwasser gelenkt bekomme, denn das ist im Moment das einzige was zählt.

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Ein Gedanke zu „Depressionen – und plötzlich kannst du nicht mehr!

  1. Lieber Andreas,
    Ich wusste erst gar nicht ob und was ich dir schreiben soll. Da schau ich mir deine /eure Fotos an und denke, super, alles richtig gemacht, Andreas hat mit seiner Familie das Glück gefunden.
    Und jetzt, spielt dir das Leben schon wieder einen Streich.
    “Du schaffst das schon „eine Floskel.
    Ich hoffe einfach für dich und deine Familie das ihr euren „Neustart “ ganz schnell richtig genießen könnt.
    Ganz liebe Grüße Christine

    Gefällt 1 Person

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