Alles richtig gemacht

Bevor dieses turbulente Jahr zu Ende geht, muss ich mich nochmal zurücklehnen und Revue passieren lassen, was sich alles verändert hat, seit dem vergangenen Jahreswechsel. Vor zwölf Monaten wusste noch niemand von uns, dass es uns bereits ein halbes Jahr später ohne Netz und doppelten Boden nach Schleswig-Holstein verschlagen würde. Das hätte mir mal jemand erzählen sollen – ich hätte ihn für verrückt erklärt. Manchmal braucht man einfach einen Menschen an seiner Seite, mit dem man träumen kann und sich nicht immer mit ganz vielen Einwänden und Bedenken selbst ausbremst.

Von außen betrachtet könnte man sagen, wir wohnen jetzt ganz oben im Norden – im echten Norden – und lassen uns den Nordseewind um die Ohren pusten. Das Meer, der Strand, die Fähren, die Inseln und Halligen und Dänemark liegen hier direkt vor der Tür. Allein das alles ist natürlich traumhaft. Da ist aber noch viel mehr, als das für jeden sichtbare. Wir fühlen uns hier im Norden vom ersten Tag an angekommen.

Eigentlich bin ich nicht der Typ für Übersinnliches, aber immer öfter denke ich mir, dass wir beide uns hier aus einem ganz einfachen Grund so zuhause fühlen. Unsere Seelen gehören hier hin. Die waren nur mal eben ein Bisschen unterwegs, aber jetzt sind sie wieder da wo sie hingehören.

Nickis Familie mütterlicherseits kommt von hier oben und auch wenn meine Mutter aus dem – von hier aus im Süden gelegenen – Hamburg kommt, muss man nur ein paar Generationen weiter zurücksehen, dann sieht man ihre Vorfahren in Nordfriesland den Fluten trotzen.

Ich habe sowas noch nie erlebt! Heimat ist wirklich mehr als nur ein Wort. Heimat ist nicht unbedingt, da wo man wohnt, oder da wo man zur Schule gegangen ist. Heimat ist sowas wie Liebe. Das fühlst nur du allein. Da lässt du auch nicht die Argumente anderer gelten. Das ist ein Ding zwischen dir und deiner Seele.

Ob es der norddeutsche Slang ist, der hier ganz schnell den Weg in dein Herz, deine Seele und deinen Sprachgebrauch findet, oder das Plattdeutsch, das schon etwas schwieriger ist, das ich aber immerhin – bis auf wenige Sonderfälle – verstehe.

Ich habe mal im Sommerurlaub am Mittelmeer gehört, dass das Leben außerhalb der Badesaison langweilig und das Wetter höchst ungemütlich sein soll. Ich glaube nicht mehr, dass das Leben langweilig und das Wetter ungemütlich sein kann. Das sind Weisheiten, die mir mal irgendwer in meinem alten Leben eingetrichtert hat bis ich sie selbst fast geglaubt hätte. Weisheiten die ich ganz weit hinter mir gelassen habe. Weisheiten, die für die meisten Menschen vielleicht sogar tatsächlich irgendwie Sinn machen. Ich mag die Sonne, die mir am Strand auf die Haut brennt und ich mag die warmen Sommertage. Ich mag die windstillen Tage, an denen sogar ich gerne mit dem Fahrrad durch die flache Landschaft fahre. Ich mag es aber auch, wenn mir der Sturm den Regen waagerecht ins Gesicht peitscht und ich meine Jeans zuhause erstmal auswringen muss, bevor ich sie zum Trocknen auf die Leine hängen kann. Ich liebe es, wenn der Wind so pustet, dass die Bäume Probleme bekommen sich ihm entgegenzustemmen. Wenn die Nordsee so aufgepeitscht ist, dass unser Fähranleger überflutet wird und jeder, der sich zu nah an das Geschehen herantraut eine ordentliche Dusche Salzwasser abbekommt. Ich liebe es zusammen mit meiner Nicki durchs Watt zu schlendern und Schätze zu sammeln. Apropos Schätze: Es gibt hier oben auch Geo-Caches die nur bei Ebbe erreicht werden können.

Was es hier nicht gibt ist Karneval und St. Martin, aber dafür feiert man hier Laternelaufen, Biikebrennen und Rummelpottlaufen. Das Laternelaufen gleicht in etwa einem St. Martinszug. Nach der Runde durch den Ort wird noch gemeinsam das eine oder andere Glas Glühwein geschlürft und die Kinder backen sich Stockbrot. Auf das Biikebrennen bin ich auch schon ziemlich gespannt. Seinen Ursprung hat dieses Fest im Mittelalter. Damals sollten mit dem Feuer böse Geister vertrieben und die neue Saat geschützt werden. Später diente das Biikefeuer zur Verabschiedung der Walfänger auf den Inseln. Am frühen Silvesterabend steht das Rummelpottlaufen an. Da laufen die Kinder geschminkt und verkleidet von Haus zu Haus, singen Lieder und sagen Gedichte auf, um dafür mit „Naschi“ belohnt zu werden. Naschi ist auch eines dieser Wörter, die Ronja sofort in ihren Wortschatz übernommen hat. Die Kleine bringt sowieso regelmäßig neue „Vokabeln“ aus dem Kindergarten mit nach Hause. Ihre Kindergartengruppe sind übrigens die „Windflitzer“. Hier gehen die Kinder nicht nur bei Sonnenschein draußen spielen. Immer, wenn wir Ronja vom Kindergarten abholen erlebt sie draußen irgendwelche Abenteuer. Ich habe mal nachgesehen: Die haben auch beheizte Gruppenräume, aber wer braucht sowas schon? Was auch total schön ist, ist die Tatsache, dass man sich hier grundsätzlich duzt. Am Bankschalter pflegt man auch hier Kunden zu jeder Tageszeit mit einem netten „Moin“ zu begrüßen, bleibt aber – wie es sich gehört – beim „Sie“. Ansonsten hält man hier nicht viel von Kodexen. Ob im Privaten oder an der Supermarktkasse überall wirst du geduzt. So fällt es wirklich nicht schwer, sich gut zu fühlen.

Jetzt werden die Tage seit einer Woche wieder länger. Wenn der Tag hier auch im Moment eine dreiviertel Stunde kürzer ist, als in der alten Heimat. Im Sommer haben wir hier eine dreiviertel Stunde mehr Sonne. Richtig dunkel wird es hier im Sommer nachts nicht wirklich. OK – jetzt im Winter wird es hier tagsüber auch nicht wirklich hell. In der kalten Jahreszeit steht die Sonne hier noch tiefer am Himmel als im Rheinland.

Ich find´s einfach großartig! Die Sommersonne am weißen Strand genauso, wie den Wind, der dir so um die Ohren weht, dass du dich nur noch brüllend unterhalten kannst. Ich liebe es, wenn die Nordsee an einem Tag still wie ein Baggersee daliegt und die Flut am nächsten Tag dann mal wieder fast zwei Meter höher ansteigt als normalerweise und die Wellen die Deiche auf die Probe stellen. Ich liebe dieses raue Klima. Ich liebe die Wanderdünen und die Entwässerungsgräben, die hier jedes Feld durchziehen. Ich liebe das Watt. Ich liebe die Ebbe und ich liebe die Flut! Ich glaube, ich liebe sogar das Verkehrschaos das hier herrscht, wenn mal wieder alle gleichzeitig mit ihren Luxuskarossen nach Sylt wollen und wir uns unseren Weg vorbei am Sylt Shuttle suchen müssen, der am Ende unserer Straße startet. So könnte es bleiben!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s