Handbremse oder Vollgas?

Seit einigen Tagen verspüre ich das Bedürfnis, mich wieder mehr der Realität zu stellen. Aber wie geht man dieses Vorhaben am besten an?

Als erstes wollte ich wieder zur ursprünglichen, niedrigen Dosis Sertralin zurückkehren. Die Spannung, aber auch die Aufregung und die Angst, wie sich das auf mich (und indirekt auch auf meine Mitmenschen) auswirken würde, waren ziemlich groß. Zuerst fühlte es sich in mir eher so an, als hätte ich die Dosis erhöht.

Es war schon ziemlich merkwürdig. Wieder überkam mich das gleiche Gefühl, wie damals, als ich zum ersten Mal überhaupt mit dem Wundermittel Sertralin Bekanntschaft machen durfte oder als ich nach Absprache mit meiner Ärztin die Dosis verdoppelt habe. Das war doch ziemlich unlogisch! Vermutlich hatte das alles nur mit meiner Wahrnehmung zu tun. Aber genau das ist es ja, was bei mir behandelt werden muss – meine Wahrnehmung. Wenn ich irgendwas besonders gut kann, dann ist das Euphorie!

Meine Frau meinte, dass doch bereits die Tatsache, dass ich hier sitze und am Blog schreibe eine Veränderung sei. Sie stellte aber auch fest, dass ich mit der reduzierten Dosis nur schwer mit dem üblichen Alltagstrubel umzugehen wusste. Ich habe gehofft, dass die nächsten Tage meinen Plänen keinen Strich durch die Rechnung machen würden! Einen Versuch war es auf jeden Fall wert.

Seit Monaten war ich nur noch unterwegs. Irgendwann habe ich zwar wieder damit begonnen, vormittags zu arbeiten, aber die Nachmittage gehörten mir! Die Frage war nicht, ob ich „wieder abhauen“ würde, wie meine kleine Tochter es immer treffend formulierte, die Frage war lediglich, wohin es diesmal gehen würde. Während der kalten Jahreszeit war ich gerne auf Sylt unterwegs, aber die Insel vor unserer Haustüre hat sich inzwischen wieder für die feinen Sommergäste herausgeputzt. Da liegt nichts lange am Strand herum, bevor die Saubermacher anrücken und wieder für Ordnung sorgen. Da es für mich aber kaum etwas langweiligeres gibt, als aufgeräumte Strände, wird Sylt auch von uns bald wieder zum Sonnenbaden und Baden/Schwimmen aufgesucht, aber wenn ich nach Schätzen aus der Nordsee Ausschau halten will, dann müssen bis zum Herbst die weniger rausgeputzten Strände herhalten. Mein Lieblingsziel ist zur Zeit St. Peter-Ording. Seit ich hier meinen ersten kleinen Bernstein gefunden habe, fällt es mir verdammt schwer, den Blick zu heben und meine geliebte Nordsee zu bestaunen – man könnte ja ein leuchtendes hunderte Millionen Jahre altes Stück Harz übersehen.

Während meiner langen Strandspaziergänge wurde mir irgendwann bewusst, dass ich etwas ändern sollte. Es war ja nicht so, dass ich vor meiner Frau abhauen wollte. Ich hatte einfach Hummeln im Hintern. Aber wie ändert man was, wenn mein Verhalten in meinem Zustand doch eigentlich dringend nötig war, um irgendwie normal und für die Mitmenschen erträglich zu sein?

Da ich auf meine „Drogen“ nicht verzichten kann (oder will), habe ich vor ein paar Tagen entschieden, „nur“ noch jeden zweiten Tag wegzufahren. Ich habe tatsächlich den einen Tag auf Amrum verbracht, dann war ich 24 Stunden zu Hause, den nächsten Tag ging es nach Hamburg und dann saß ich wieder zu Hause. Meine Sertralin-Dosis ließ sich doch nicht so einfach reduzieren. Die Wirkung zeigt sich zwar eigentlich nur äußerst selten so schnell, aber auch nach der ersten Einnahme vor etwa einem dreiviertel Jahr waren die Ärzte überrascht, wie schnell der Wirkstoff bei mir anschlug. Die paradoxe Wirkung, die ich nun verspürte irritierte mich zwar, aber eigentlich schien es doch ein gutes Zeichen zu sein, dass sich mein Zustand verbessert hatte. Ich dachte mir:“Warten wir mal ab, was sich in den nächsten Tagen tut.“

Ganz zu Anfang schien mir nichts zu fehlen. Eher hatte ich das Gefühl, ich hätte die Dosis erhöht! Allerdings war mir klar, dass ich mir mit den verschiedenen Veränderungen wahrscheinlich etwas viel gleichzeitig zugemutet hatte!

Ich musste mich selbst mal ganz ergebnisoffen beobachten und dann entscheiden, welche Veränderung sich als hilfreich und welche Idee sich als eher kontraproduktiv herausstellen sollte.

Schon lange ging es mir nicht mehr so schlecht, wie an dem einen Tag, an dem ich die Dosis reduziert hatte! Bereits nach wenigen Stunden stellte mein Körper fest, dass ihm etwas fehlte! Ich wurde nervös und alles störte und ging mir auf die Nerven. Bevor ich die Entscheidung, ab sofort „nur“ noch jeden zweiten Tag von zu Hause abzuhauen revidieren würde, wollte ich doch lieber die Reduzierung meiner Medikamente rückgängig machen. Ich habe tatsächlich nur 24 Stunden lang eine reduzierte Dosis eingenommen, mit den Auswirkungen hatten wir allerdings ein paar Tag zu kämpfen. Langsam entwickle ich mich wieder zu dem, der ich noch vor ein paar Tagen – kurz vor meinem „Drogenexperiment“ – war.

Meine Bernsteinsammlung muss auf jeden Fall noch wachsen, also wird die endlos scheinende Sandbank von St. Peter-Ording noch für lange Zeit das Hauptziel meiner Ausflüge bleiben. Nach einer halben Stunde Bahnfahrt komme ich in Husum an und dort steige ich in einen Zug, der mich in ca. einer Stunde Fahrzeit an den riesigen Strand befördert. Nachdem mirBernsteinsammlung verschiedene freundliche Bernsteinsammler gezeigt haben, wo ich suchen muss, werde ich inzwischen jeden Tag fündig. Das Bernsteinsuchen ist wirklich zur Sucht geworden. Für mich ist es auch unheimlich beruhigend, stundenlang den Strand abzulaufen und an den verdächtigen Stellen nach diesen Schätzchen zu suchen.

Am Strand suche ich auch gerne nach Treibholz und nach anderen Dingen, welche die Nordsee mit jeder Flut an die Küste spült. Auch Muscheln gibt es an jedem Nordseestrand wie Sand am Meer.  😉 Inzwischen kennt man auch die verschiedenen Muschelsorten, die an den verschiedenen Stränden angespült werden. Da gibt es große Unterschiede zwischen den Muscheln, die auf Sylt, in St. Peter-Ording, auf Amrum oder auf der dänischen Insel Rømø zu finden sind.

Aus den Dingen, die wir am Strand und im Watt finden, schafft Nicki gerne ihre Strandkunst. Während wir zwei uns das Anschleppen teilen, mache ich allerhöchstens gelegentlich Vorschläge, wie sie bei der Herstellung verfahren könnte, aber den künstlerischen Teil überlasse ich dann gerne ihr. Für Bastelkram fehlen mir eindeutig Phantasie und Nerven. Meine Nerven werden mir wohl bis an mein Lebensende – das nicht vor dem Jahr 2069 eingeplant habe – auf die Nerven gehen. Aber solange ich und meine Familie mit mir zurecht kommen, ist das überhaupt nicht so tragisch.

Jeden Tag bin ich aufs Neue begeistert, wie meine Frau mit mir zurecht kommt. Ich glaube, es liegt an ihrer ganz speziellen Art, dass sie mich so nimmt, wie ich bin und nicht versucht, mich zu verbiegen. Man kann über alles reden. Man kann auch vieles versuchen. Aber sie nimmt mir meine Vergesslichkeit, meine Nervosität und dann wieder diese absolut unbegreifliche Ruhe nicht übel. Sie nimmt mich so wie ich bin! Ist dieses Leben nicht wunderschön?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s